Kathi Elisabeth Flau, freie Journalistin und Autorin, hat in Hildesheim Schreiben und Kulturjournalismus studiert. Sie arbeitet für verschiedene Tageszeitungen, für die Cleft-Kinder-Hilfe Schweiz in Zürich, für Bankvorstände und eine Schokoladenfabrik, hat Texte in literarischen Anthologien veröffentlicht und auf Bühnen gelesen. Zuletzt ist die von ihr herausgegebene kulturjournalistische Anthologie Muku – Die Geschichte einer Eisfabrik im Gerstenberg Verlag erschienen. Seit einiger Zeit arbeitet sie an einem Roman mit dem Titel Penguin Café. Davon, wie sich die Arbeit daran gestaltet und ob sie je zu Ende sein wird, handelt dieses Journal.

Jazztime backstage. Wie ich schon zum zweiten Mal kein Interview mit Candy Dulfer führe.

Ach, ich könnte Euch was erzählen. Prima Backstagegeschichten über die Stars der Jazztime-Galas, die ich seit Jahren betreue.
Dass Helge Schneider in echt noch viel komischer ist als auf der Bühne. Dass er mit seinen Hunden ein Nickerchen auf dem Boden der Theatergarderobe macht, der Kantine Bescheid geben lässt, seine Frau (die mit einer grünen Seetangperücke herumläuft, als wäre das selbstverständlich) bräuchte kein Essen, die könnte ruhig hungern, selber die ganze Zeit isst, isst, isst, und, wenn er einen Spaziergang machen will, sagt: „Ich gehe mal runter zum Auto… mal gucken… ob da noch Benzin drin ist.“

Dass Annett Louisan mit einem fürchterlichen Kater zum Konzert kam, sich vier Mal umzog und ihre Garderobe, als sie es endlich auf die Bühne geschafft hatte, aussah wie das Cover ihrer neuesten Platte: Offener Koffer mitten im Zimmer, die Klamotten rumdrum verstreut und daneben, auf dem Boden, eine fast leere Flasche, ja genau, Prosecco. Dass Candy Dulfer nichts so sehr liebt wie Pfirsichsaft. Oder dass Curtis Stigers ein akribischer, humorbefreiter Asket ist, der voller Verachtung auf After-Show-Partys blickt und auf alle, die da hingehen.

Könnte ich. Mach ich aber nicht. In den paar Stunden, die ich backstage mit den Musikern verbringe, schaue ich ihnen beim Existieren zu, beim Sieselbstsein, bevor und nachdem sie auf der Bühne für ein großes Publikum als Stars ihre Show abliefern. Ich weiß, ob sie an diesem Tag dazu Lust hatten oder nicht, ob sie vorher nervös sind, was sie am liebsten essen, wieviel sie hinterher trinken. Ziemlich intime Dinge eigentlich. Ein Wissen, das sehr danach verlangt, unter Verschluss zu bleiben.

Natürlich frage ich mich jedes Jahr, wie es wäre, die Gelegenheit zu nutzen. Zum Beispiel dazu, eine Art Album anzufangen, in das jeder Musiker, na sagen wir mal, einen Flamingo zeichnen soll. Dann hätte man in ein paar Jahren ein super Flamingoalbum, mit erstaunlich guten, schlechten, lustigen Bildern und vielen Autogrammen. Toll. Und jedes Jahr fange ich es nicht an. Ich bringe es einfach nicht fertig, jemanden, den ich schätze, um so einen Scheiß zu bitten. Der ist ja nicht mein Hampelmann. Die Show ist die Show, und nach den Zugaben ist sie zu Ende.

Und die andere Gelegenheit, an die ich jedes Jahr denke, ist, klar, ein Interview. Ein schönes, langes Gespräch mit Candy Dulfer über ihre Karriere, über Prince, über ihre Lieblings-Laboutins, über ihre Mutter Inge, die auf jeder Tour dabei ist. Aber Backstagebetreuer und Interviewer in einer Person, das geht natürlich auch nicht. Da fühlte sich der Musiker wahrscheinlich ziemlich stark beobachtet, schließlich muss man bei Journalisten davon ausgehen, dass sie nur auf irgendeine Schwäche lauern und jede private Regung sofort in ihrem Blatt verwursten.

Nein, lieber will ich nur dabei sein. Einfach so. Wenn die Künstler sich aufregen, einschlafen, telefonieren, duschen, sich betrinken. Wenn sie sind, wer sie sind. Und gar nichts darüber sagen. Mit Candy habe ich vor fünf Jahren, als sie schon mal da war, kein Interview gemacht, und ich werde es auch in diesem Jahr nicht tun. Ich will kein Foto und kein Autogramm. Keine Souvenirs. Die Erinnerung hab ich ja, die bleibt und kommt wieder, spätestens dann, wenn ich die Platten unserer Musiker auflege. Unsigniert, hoffentlich.

Kathi Elisabeth Flau, freie Journalistin und Autorin, hat in Hildesheim Schreiben und Kulturjournalismus studiert. Sie arbeitet für verschiedene Tageszeitungen, für die Cleft-Kinder-Hilfe Schweiz in Zürich, für Bankvorstände und eine Schokoladenfabrik, hat Texte in literarischen Anthologien veröffentlicht und auf Bühnen gelesen. Zuletzt ist die von ihr herausgegebene kulturjournalistische Anthologie Muku – Die Geschichte einer Eisfabrik im Gerstenberg Verlag erschienen. Seit einiger Zeit arbeitet sie an einem Roman mit dem Titel Penguin Café. Davon, wie sich die Arbeit daran gestaltet und ob sie je zu Ende sein wird, handelt dieses Journal.

Statusmeldung oder: Warum ich Herrn Wolf nicht um Verzeihung bitte

„Facebook ist mein Soundcheck“, habe ich irgendwann einmal genau da geschrieben. Ich meinte damit: mein Spielplatz, mein Testlauf für Rede- und Gedankenwendungen, für Fragen und Fragmente, für Dialogstücke, für Sätze, die vielleicht mal was werden wollen. Was auf Facebook steht, steht erstmal nur so da, auf ziemlich wackligen Beinen, noch ist es nicht gedruckt, noch nicht gesetzt – es ist noch nicht Ernst.

Und dann kommen die, die es lesen. Oder auch nicht. Die, die es verstehen oder nicht. Die, die es witzig finden oder doof. Und es damit verwandeln: Ein Satz, den ich selbst grad eben noch nur so mittelmäßig fand, gefällt mir mit jedem Like /Kommentar besser, ich denke: hey, ja, stimmt, der ist wirklich lustig – oder er wird, wenn man ihn lange genug anschweigt, eine unschöne Sache, erst schlecht, dann grottenschlecht, dann etwas, das ich besser nie hätte posten sollen.

Ist so. Auch wenn es vielleicht anders sein sollte. Auch wenn ich unabhängig von der Resonanz an etwas weiterarbeiten sollte. Wenn ich meine Sicherheit im Schreiben nicht aus der Reaktion anderer beziehen sollte. Ist aber so, zumindest manchmal, zumindest dann, wenn es um etwas geht, das mir wirklich wichtig ist.

Und ausgerechnet so jemand verdient sein Geld, einen Teil davon, mit Rezensionen. Sagt den Leuten, was gut und was Mist war, was lustig und was langweilig. Als vor ein paar Tagen eine Lesung im Literaturhaus stattfand, war es dort weder lustig noch langweilig. Der Autor machte zwar jede Menge Witze, aber erstens waren die nicht gut, zweitens auswendig gelernt, drittens handelten sie immer bloß von ihm selbst und viertens, und das ist das Allerschlimmste, nahm er sich beim Witzemachen todernst.

Wenn einer auf eine Bühne geht und nichts kann, dann ist das, naja, ärgerlich. Aber wenn einer auf eine Bühne geht und glaubt, alles zu können, dann ist Schluss. Dann bin ich raus. Dann fällt die Klappe der Sympathiekiste zu und geht auch mit aller Mühe nicht wieder auf. Zum Glück passiert so etwas sehr, sehr selten. Im Literaturhaus, vor ein paar Tagen, ist es passiert.

Der Artikel, den ich daraufhin schrieb, hat dem Autor nicht gefallen – na sowas. Damit war nicht nur zu rechnen, das war schon klar, bevor ich ihn überhaupt in die Redaktion schickte. Aber dass dieser Autor sich daraufhin öffentlich und lautstark beschwerte, und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, als würde er lediglich sein Recht auf eine gute Rezension einfordern, als existiere so ein Recht – damit hat niemand von uns gerechnet.

Inzwischen werden die Kommentare, die ich dazu lese, und die Mails, die ich bekomme, weniger. Ein Glück. Auch, dass es nicht nur Anfeindungen waren. Einige sagten, sie hätten den Abend genau so erlebt wie ich, einige fanden den Artikel einfach lustig.

Dass niemand für sich ein Recht beanspruchen kann, gehört, gelesen, gekauft und vor allem: gemocht zu werden, das hielt ich bislang immer für eines der grundlegendsten Dinge überhaupt. Für eine Basis jeglichen Austausches, für einen so wichtigen Bestandteil einer Persönlichkeit, dass man ihn eigentlich als Substanz im menschlichen Blut nachweisen können müsste, zumindest unterm Mikroskop. So grundlegend, dass ich es hier hinschreibe, einfach so, ohne vorher bei Facebook zu fragen, ob es einer von denen da drüben genauso sieht.

Kathi Elisabeth Flau, freie Journalistin und Autorin, hat in Hildesheim Schreiben und Kulturjournalismus studiert. Sie arbeitet für verschiedene Tageszeitungen, für die Cleft-Kinder-Hilfe Schweiz in Zürich, für Bankvorstände und eine Schokoladenfabrik, hat Texte in literarischen Anthologien veröffentlicht und auf Bühnen gelesen. Zuletzt ist die von ihr herausgegebene kulturjournalistische Anthologie Muku – Die Geschichte einer Eisfabrik im Gerstenberg Verlag erschienen. Seit einiger Zeit arbeitet sie an einem Roman mit dem Titel Penguin Café. Davon, wie sich die Arbeit daran gestaltet und ob sie je zu Ende sein wird, handelt dieses Journal.

Heute war Flohmarkt, die Bücherstände so lang wie langweilig, Vorkriegsbildbände und Nachkriegsprosa, die meisten Verkäufer entsorgen hier schlicht ihren Papiermüll. Wenn man ein Buch aufschlägt und darin eine lustige Widmung auf der ersten Seite findet, dann hat man die beste Stelle bereits gelesen.

Selten also, dass ich etwas kaufe, heute kaufte ich : Mathias Mertens (Hrsg.): „Peine, Paris, Pattensen. Literarische Erhebungen im flachen Land.“ Eine Provinz-Anthologie aus dem Jahr 2006, große Namen in Niedersachsen, und unvermeidlich darin natürlich der Kanon der Domänen-Familie: John von Düffel, Paul Brodowsky, Florian Kessler und Hanns-Josef Ortheil. Der blieb mit seinem Text direkt am Ort und erzählte, wovon er am liebsten erzählt: von sich selbst. Vom Aufbau des Studiengangs. Von den schönen, intensiven Tagen an der Domäne, von seiner Rolle als Mentor und Leser der Texte seiner Studenten und in diesem Zusammenhang von „einigen Beobachtungen, die mich selbst überraschten. Ich unterscheide nun zwischen drei Typen von Kreativität, dozierte ich vor den älteren Studenten.

Der erste ist der episch-fabulierende. Er findet leicht den Einstieg in eine Geschichte, er schreibt handlungsbezogen, er verfügt über ein großes, weit entwickeltes Phantasiepotential. Er will erzählen, ausholen, das epische Meer austrinken. So einer war Thomas Mann.

Der zweite Typus schreibt bildlich-anschaulich. Er kann und will nicht erzählen, er schaut, nimmt wahr, denkt bildlich und raumbezogen. Seine Beobachtungsgabe ist hoch präzise, aber er verbindet sie nicht mit dem Zeitfluss. Deshalb wirkt sein Schreiben gehemmt, fragmentarisch, in den besten Fällen ist es von starker visueller Prägnanz.

Der dritte Typus schließlich empfindet akustisch. Er kann parodieren, er hört genau hin, Stil, Rhythmus und Klang spielen für ihn die größte Rolle. Oft ist er extrem sprachspielerisch, wortschöpferisch und originell, die Musikalität der Sprache überwiegt in seinen Texten. So einer war Ernst Jandl, auch die Dadaisten waren solche Autoren.“

Schaue ich auf meine Texte, steht demnach fest: Typ 2. Keine Frage. Meine Prosa beginnt oft mit nüchternen ersten Sätzen, in denen noch gar keine Person auftaucht, nur ein Raum: „Der Ort ist so klein, dass es sich nicht einmal lohnt, genau zu beschreiben, wo er liegt.“ – Das Hotel heißt Bremerhaven.“ – „Der Eingang liegt links von der Treppe.“ Und auch die Figuren, wenn sie dann auftauchen, gehen durch Räume, entlang der geraden oder verschlungenen Wege, die ich ihnen aufgetragen habe zu gehen. Tja. Ich schätze, da lässt sich nichts dran schönreden.

Die Sache ist nur die: Ich will nicht Typ 2 sein. Ich will überhaupt kein Typ sein. Und wenn ich einer sein muss, wenn wirklich gar nichts am Typsein vorbeiführt, dann doch bitte – gerade angesichts eines Romanprojekts – Typ 1. Klar würde ich gern spinnen und schwärmen können, mich hingeben, spielen, etwas ungeheuer Sinnliches sagen. Ich würde gern so schreiben können, wie ich lese: wie die Südamerikaner zum Beispiel, mit Sätzen wie satten Farben, in epischer Länge, ich würde gern über mich sagen können, was Vea Kaiser einst über ihr Schreiben zu Protokoll gab: Ihr größtes Problem dabei sei es, sich zu bremsen.

Kann ich nicht von mir behaupten. Hanns-Josef hat völlig recht. Aber einem, der mir bescheinigt, dass ich „weder erzählen kann noch will“, glaube ich trotzdem nicht. Selbst dann nicht, wenn er sagen würde, was er natürlich an dieser Stelle sagen würde: Dass das doch nur Tendenzen seien, es Mischtypen gäbe etc. Das klingt, so hinterhergeschoben, bloß noch wie ein schwacher Trost: Sei nicht traurig, Typ 2. Du taugst zwar weder zum Romancier wie Typ 1 noch zum Slammer wie Typ 3, aber hey, wer weiß, bestimmt findest auch du was, mit dem du dich eines Tages durchschlagen kannst.

Nein. Denn auch wenn so eine Typisierung im Grunde stimmt: Sie versucht einem auch etwas wegzunehmen. Nämlich die absolute Überzeugung, dass ein Thema, dass der Inhalt eines Textes seinen Stil bestimmen sollte. Dass niemand, auch kein Autor, auf Dauer ein und dieselbe Person bleibt. Die Möglichkeit, dass ich morgen einfach mal das Gegenteil des Bisherigen mache. Sie versucht einem abzusprechen, in mehreren Sprachen schreiben zu können, ein Thema aus ganz verschiedenen ästhetischen Ansätzen angehen zu können, die dabei weitaus mehr sind als eine bloße Methodenreflexion. Sie lässt außer Acht, dass die meisten Autoren sogar dazu in der Lage sein müssen: Weil sie heute ein Interview machen und morgen ein Buch rezensieren, gleichzeitig an zwei Essays, einer wissenschaftlichen Arbeit oder einer Übersetzung oder einem Drehbuch oder einem Bühnenprogramm und  außerdem noch an einem Roman arbeiten. Weil sie anders gar nicht überleben könnten.

Eine Widmung war übrigens nicht ins Buch geschrieben worden. Vielleicht hat es ja niemand je verschenkt. Ich blätter mal weiter. Die beste Stelle darin, die suche ich noch.

 

 

Kathi Elisabeth Flau, freie Journalistin und Autorin, hat in Hildesheim Schreiben und Kulturjournalismus studiert. Sie arbeitet für verschiedene Tageszeitungen, für die Cleft-Kinder-Hilfe Schweiz in Zürich, für Bankvorstände und eine Schokoladenfabrik, hat Texte in literarischen Anthologien veröffentlicht und auf Bühnen gelesen. Zuletzt ist die von ihr herausgegebene kulturjournalistische Anthologie Muku – Die Geschichte einer Eisfabrik im Gerstenberg Verlag erschienen. Seit einiger Zeit arbeitet sie an einem Roman mit dem Titel Penguin Café. Davon, wie sich die Arbeit daran gestaltet und ob sie je zu Ende sein wird, handelt dieses Journal.

Mein letzter Eintrag über das Romanschreiben
auf dieser Seite ist anderthalb Jahre alt.

Seither habe ich viel geschrieben. Rezensionen, Artikel, Essays und zwei- oder dreimal meinen Namen auf den Titel eines Buches, das im letzten April erschienen ist, eine Art Industriereportage, herausgegeben von der Fotografin Nadine Nemitz und mir.

Das Buch habe ich auf Bühnen gelesen, gemeinsam mit Yvonne Franke, und sie und ich haben damit begonnen, ein abendfüllendes Programm für uns zu schreiben. Wir texten und proben.

Außerdem sind da Auftraggeber, die mir Aufträge geben: die Cleft-Kinderhilfe Schweiz in Zürich zum Beispiel. Und ich habe ein neues Buch angefangen, einen Interviewband, der Künstler zu ihrer Arbeit und ihrem Verhältnis von Provinz und Metropole befragt. Er soll im Herbst 2015 erscheinen, vielleicht auch erst im Frühjahr 2016.

Das mache ich nachmittags, abends, nachts, am Wochenende. Wann es geht. Vormittags tippe ich lange Zahlenreihen in den Computer eines Speditionsbüros. Es ist das, was man einen Brotjob nennt, und es ist ein absolut okayer Brotjob. Toller Chef, nette Kollegen, und das Einzige, worauf ich wirklich achten muss, ist, niemals die Reihenfolge der Zahlen zu vertauschen – sonst kann es sein, dass der ganze Beton in China ankommt statt in Osnabrück. Das wäre mir äußerst unangenehm.

Ab dem Nachmittag geht es also um diverse Projekte. Um Stunden in Redaktionen. Um Deadlines. Um Bildunter- und Überschriften. Und so gut wie nie um den Roman, den ich schreiben wollte und will. Warum nicht? Das ist leicht zu erklären: Er hat keine Deadline. Und was keine Deadline hat, steht in der Projekthierarchie ganz unten. Wirklich am Ende, vor sich viel, hinter sich: eigentlich nichts mehr.

Ein Projekt, wie geschaffen dafür, um daran zu scheitern. Zu lang, als dass man das Gefühl haben könnte, wirklich vorangekommen zu sein, wenn man mal wieder ein, zwei Seiten geschrieben hat, zu langatmig der Prozess des Dran- und Überarbeitens. Zu zerrissen. Mal hier ein paar Stunden reingesteckt, mal da, kaum Zeit fürs wirkliche Eintauchen, fürs Abgehen, den Flow. Jeder Autor, mit dem ich bislang über sein Schreiben und seine Bücher gesprochen habe, Felicitas Hoppe genauso wie Michael Ebmeyer, hat bestätigt, was auch ich denke: Wenn man den Stoff nicht zügig durcharbeitet, fängt er an, einen zu quälen.

Dann ist er mein schlechtes Gewissen. Der Maßstab aller Versäumnisse. Er ist die Frage, ob ich vielleicht nicht genug arbeite. Ob ich nicht mehr tun müsste. Was mit meinem Ehrgeiz los ist. Niemand, sagt der ungeschriebene Stoff, verlangt das nächste überarbeitete Kapitel. Keiner will diesen Scheißroman. Außer mir, und obwohl das Grund genug sein sollte, ihn fertig zu schreiben, scheint es manchmal doch nicht Grund genug zu sein. Der Stoff des ungeschriebenen Buchs ist die Frage, ob ich das überhaupt und wirklich will: schreiben.

Klar. Ich will nichts anderes. Ich will es so sehr, dass ich alles schreibe, was ich kann und soll. Journalistisch, literarisch, mono- und dialogisch. Jede Gelegenheit ist meine. Hauptsache Text. Hauptsache Leute. Geschichten. Es geht ums Weitermachen. Um ein ganzes Projektkollektiv. Um die Hierarchie und wie ich mich mal wieder darin verzettele. Vielleicht will ich hier eher davon erzählen als von der geradlinigen Entstehung eines Romans. Die es jetzt, nach anderthalb Jahren, ja sowieso nicht mehr sein kann.

Kathi Elisabeth Flau, freie Journalistin und Autorin, hat in Hildesheim Schreiben und Kulturjournalismus studiert. Sie arbeitet für verschiedene Tageszeitungen, für die Cleft-Kinder-Hilfe Schweiz in Zürich, für Bankvorstände und eine Schokoladenfabrik, hat Texte in literarischen Anthologien veröffentlicht und auf Bühnen gelesen. Zuletzt ist die von ihr herausgegebene kulturjournalistische Anthologie Muku – Die Geschichte einer Eisfabrik im Gerstenberg Verlag erschienen. Seit einiger Zeit arbeitet sie an einem Roman mit dem Titel Penguin Café. Davon, wie sich die Arbeit daran gestaltet und ob sie je zu Ende sein wird, handelt dieses Journal.

67ff

Ein Abend in der Stammkneipe ist an sich nichts Besonderes. Eine entspannte, unspektakuläre Sache. Man geht hin, bestellt Bier, ein Glas Wein, sagt hier und da Hallo, grüßt mit einem Klopfen auf den Tisch (Ich mach mal so.) in die Runde, bevor man sich setzt, an die Theke oder einen Tisch, und sich dort dem Eigentlichen widmet: trinken und reden.

In Wirklichkeit handelt es sich um eine großartige Inszenierung. In Wirklichkeit funktio-niert der Gastraum wie eine Bühne, mit Kulissen und Darstellern, mit Sound und Licht
und allem. Nichts, was hier geschieht, ist Zufall. Nicht die unpolierten Gläser. Nicht der
CD-Player, der an immer derselben Stelle hängen bleibt. Nicht die staubigen Vorhänge, nicht der Kaffee, der schon am Vormittag aufgebrüht und seitdem auf einer Platte warm gehalten wurde. Das alles muss so sein, das sieht das Skript so vor. Ebenso die Gespräche: Jeder sagt das, was er an exakt dieser Stelle zu sagen hat. Und wenn es mal laut wird oder stinkt, dann gehört auch das dazu. Was soll man machen, Achselzucken: Steht so im Text, hier, Seite 67 ff. Es gibt Abläufe. Es gibt Regeln. Dazwischen agieren sie, die Redner und Trinker, wenn es sein muss, bis zum Umfallen, bis zum Morgen.

Mit dieser Idee der Kneipe als Bühne, die eigentlich aus einem Projekt aus Studienzeiten stammt, wollte ich unbedingt etwas anfangen. Und mit den Erfahrungen aus den Jahren,
in denen ich selbst in Kneipen und Cafés gearbeitet habe. Ich war dort, bis ich mir kaum noch vorstellen konnte, irgendwo anders zu sein. Bis ich in die Umgebung reingerutscht
war wie in eine Abhängigkeit. Das Zuhören macht süchtig. Denn die Bar ist und bleibt ein Ort der Geschichten und des Erzählens. Oft sind es Lügengeschichten, die zum Besten gegeben werden, inszeniert eben, aber gleichzeitig ist es ein sehnsüchtiges, grundehrliches Erzählen. Ein magischer Ort, das absolute Klischee.

Darüber zu schreiben, lag also nah. Ich mag das Naheliegende ja grundsätzlich. Und wenn es sich um derart reiches Material handelt, sowieso: Die Schlichtheit vieler Gespräche, die Verwirrtheit anderer. Das leicht Surreale, die Monologe und Missverständnisse. Ich mag es, wenn sich ein Zustand herstellt, in dem sich niemand mehr über irgendwas wundert. Das kann dann ein guter Zeitpunkt zum Mitschreiben sein – sofern man selbst noch dazu in der Lage ist.