“Kinski war schon immer mein Idol”

JSN.Interview

Foto: Sabine Michalak

Jörg, Du kommst jetzt mit Goethes „Götz“ nach Hildesheim – nach Kafkas „Bau“ schon die zweite Inszenierung, bei der Du ganz allein auf der Bühne stehst. Ist so ein Solo ein besonderer Reiz für Dich?

Ja, durchaus. Ich kann in Probe und Aufführung unabhängig arbeiten. Während ich spiele, bin ich im Flow und darf ganz in mich selbst versunken sein, was in Zusammenarbeit mit anderen nur begrenzt möglich ist. Und auf der Bühne ist es eine ganz besondere Herausforderung. Man ist ja allein verantwortlich dafür, die Sinne der Zuschauer wach zu halten. Ich fand das immer toll; ich wusste schon, dass das Solo eine gute Form für mich ist, bevor ich solche Stücke überhaupt gemacht habe.

Du hast für beide Inszenierungen bislang super Kritiken bekommen, die vor allem Deine unglaubliche Intensität und Bühnenpräsenz loben. Da taucht immer wieder dieser Vergleich mit Klaus Kinski auf – ist das etwas, worüber man sich uneingeschränkt freut? Oder nimmst Du das eher ambivalent auf?

So ein Vergleich ist tatsächlich ein großes Lob. Kinski war ja schon immer mein Idol, ich schätze ihn als Künstler sehr. Ich habe viel über ihn gelesen und fand das faszinierend, was er gemacht hat, seinen Ausdruck und seine Radikalität. Und: Er ist auch ganz viel allein aufgetreten, insofern hat er mir viel Kraft gegeben für das, was ich selbst tue. Trotzdem ist es vielleicht dahingehend ambivalent, dass ich schon als eigenständiger Künstler wahrgenommen werden möchte.

Dieses Charisma, dieses Leuchten, das Du auf der Bühne hast: Ist das etwas, das man rational verstehen oder sogar lernen kann? Oder ist es ein Faktor x, über dessen Wirkung auf die Zuschauer Du Dich manchmal selbst wunderst?

Ich weiß nicht, inwiefern man da über sich selbst etwas sagen kann. Zunächst mal habe ich mich mit beiden Stücken von Anfang an sehr wohl gefühlt, sowohl mit den Texten als auch mit der Inszenierung, das ist sicher eine Voraussetzung. Vielleicht spielt ein Faktor x eine Rolle. Was ich auf jeden Fall sagen kann, ist, dass sich bei mir ein Schalter umlegt, sobald ich eine Bühne betrete, und das potenziert sich nochmal, sobald ein Publikum da ist.

Kafka und Goethe – das ist der Kanon der Literatur, klassischer geht’s eigentlich nicht. Was die Inszenierung dann aber draus macht, ist alles andere als klassisch. Siehst Du in den Originaltexten eine Aktualität? Oder willst Du schlicht gute Geschichten erzählen?

Beide, sowohl Kafkas „Bau“ als auch Goethes „Götz“, sind zunächst mal gute Geschichten. und gute Geschichten kann man jederzeit erzählen, insofern können sie ihre Aktualität gar nicht verlieren. Außerdem behandeln sie die großen, immer wiederkehrenden Themen. Tod, Liebe, Rache, Eifersucht, Schmerz. Das sind Dinge und Fragen, die Menschen zu jeder Zeit beschäftigen. Und was man auch nicht vergessen darf: Die Klassiker sind tantiemefrei.

Noch eine Gemeinsamkeit beider Stücke: Du arbeitest mit Regisseur Stefan Meißner zusammen. Wie funktioniert die Dynamik in Eurem Team, entwickelt Ihr Eure Ideen gemeinsam?

Wir haben sehr ähnliche Vorstellungen davon, was Theater sein kann. Das finde ich wichtig. Den „Bau“ wollte ich anfangs ganz alleine machen, hab dann aber gemerkt, dass das nicht geht, dass ich jemanden brauche, der draufschaut. Und als Stefan dazukam, war sofort klar, dass wir super zusammen arbeiten können, das ging wie ein Messer durch die Butter. Beim „Götz“ hatte er ein Regiekonzept, das ich teilweise ergänzt habe und das wir dann gemeinsam umgesetzt haben. Das Stück stellt ja auch ganz andere Anforderungen. Während der „Bau“ eine Erzählung mit nur einer Figur ist, spiele ich im „Götz“, Moment, ich glaube, acht Charaktere.

Du hast ja zunächst mal Germanistik und Literaturwissenschaften studiert; dass Du Schauspieler werden würdest, war also, wenn man jetzt Deinen beruflichen Werdegang anschaut, nicht immer klar. Hast Du es für Dich schon früher gewusst? War das so eine geheime Liebe, etwas, dass Du mit Dir herumgetragen hast?

Als Kind habe ich angefangen, die Leute mit Puppentheater zu unterhalten – in erster Linie meine Eltern und ein paar Nachbarn. Das war toll, aber dann bin ich erstmal viele Umwege gegangen. Übers Malen und übers Schreiben, ich hab Gedichte geschrieben und auch ein Theaterstück. Und erst während des Studiums habe ich übers Straßentheater zum Schauspiel zurückgefunden. Das war, als wir mit ein paar Leuten auf Tour gegangen sind, von da an stand für mich fest, dass ich nichts anderes machen will. Ich brauche das Theater, um zu wachsen, um durch die Extreme, die ich spiele, Emotionen herauszulassen. Ich bin sonst ein eher verschlossener Mensch, und das Theater ist eine Art Ventil für mich.

Du machst neben diesen Produktionen mit dem odos-Theater in Münster ein sehr politisches Theater, da geht es in den Stücken beispielsweise um Asylpolitik oder um Zwangsprostitution. Bist Du ein Mensch, dem es wichtig ist, zu bestimmten aktuellen Fragen Position zu beziehen?

Ich bin kein Missionar, und ich bin auch kein Aktivist. Natürlich stehe ich voll und ganz hinter der Aussage dieser Stücke, sonst würde ich sie nicht machen. Ich finde es sehr wichtig, dass es solche Stücke gibt, aber ich selbst bin darin in erster Linie Schauspieler.

Der „Götz“ hat ja gerade Hochsaison, Ihr tourt momentan durch ganz Deutschland damit. Verrätst Du, was danach kommt, woran Du vielleicht gerade schon arbeitest?

Was danach kommt, steht noch nicht fest, nein. Allerdings gibt es einige Dinge, die mich reizen würden. Gogol zum Beispiel fände ich toll, das „Tagebuch eines Wahnsinnigen“. Oder die Balladen von François Villon, aber die werde ich tatsächlich irgendwann mal machen. Ich könnte mir auch Film vorstellen – auch wenn ich das Theater nie aufgeben würde. Dieser direkte Kontakt zum Publikum ist mir sehr wichtig. Aber wenn ich die Chance hätte, würde ich auf jeden Fall eine Filmrolle annehmen, allein wegen des finanziellen Anreizes und natürlich auch, um bekannter zu werden.

Wenn Du Dir jede Bühne, jedes Engagement, jede Rolle, egal welche, wünschen könntest – welche wäre das?

Was die Bühne betrifft, da träume ich natürlich vom Wiener Burgtheater, und davon, dort den Hamlet zu spielen. Da muss ich mich allerdings beeilen, denn der ist ja ziemlich jung. Ansonsten muss es eben Faust sein.

- erschienen am 01. März 2015 im Kehrwieder -

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